Was ist die Streckenbesichtigung (Recce) im Rallye?
Die Streckenbesichtigung, kurz Besichtigung oder Recce (von englisch reconnaissance), ist der Teil eines Rallye-Wochenendes, in dem Fahrer und Beifahrer die Wertungsprüfungen vor der Veranstaltung mit normalem Straßentempo abfahren, um ihren Aufschrieb zu schreiben. Sie ist langsam, eintönig und enorm wichtig: Die Qualität der Besichtigung entscheidet darüber, wie selbstbewusst die Crew auf den Prüfungen fahren kann.
Was ist die Streckenbesichtigung?
Wertungsprüfungen sind öffentliche Straßen, die für den Wettbewerb gesperrt werden. Bevor sie gesperrt sind, dürfen die Crews sie in einem normalen Straßenauto abfahren, im regulären Verkehr und innerhalb der Tempolimits, nach einem Zeitplan des Veranstalters. Bei diesen Fahrten beschreibt der Fahrer die Straße, und der Beifahrer schreibt mit. Das Ergebnis ist der Aufschrieb, den die Crew in der Rallye benutzt.
Bei der Besichtigung lernen die Crews außerdem die Strecke zwischen den Prüfungen kennen, suchen Referenzpunkte für den Tripmaster und erkennen Gefahren wie Felsen an der Kurveninnenseite oder unübersichtliche Kreuzungen.
Besichtigungsregeln in der WRC
Die genauen Regeln stehen im Sportlichen Reglement der FIA und in der Ausschreibung der jeweiligen Rallye; sie können sich deshalb von Veranstaltung zu Veranstaltung und von Meisterschaft zu Meisterschaft unterscheiden. In der Rallye-Weltmeisterschaft gelten im Kern folgende Grundsätze:
- Zwei Durchgänge pro Prüfung. Die Crews dürfen jede Wertungsprüfung bei der Besichtigung zweimal fahren. Der erste Durchgang dient zum Schreiben, der zweite zum Prüfen des Aufschriebs.
- Gesetzlich erlaubtes Tempo. Die Besichtigung findet auf offenen Straßen mit anderem Verkehr statt. Die Crews müssen die gesetzlichen und vom Veranstalter festgelegten Tempolimits einhalten; die Geschwindigkeit wird per GPS-Tracking überwacht. Zu schnelles Fahren wird bestraft.
- Fester Zeitplan. Besichtigt wird nur in den Zeitfenstern des Veranstalters, meist an den Tagen vor dem Start. Außerhalb dieser Zeitfenster dürfen die Prüfungen nicht befahren werden.
- Besichtigungsfahrzeuge. Die Crews fahren Straßenautos, die den Regeln für Besichtigungsfahrzeuge entsprechen, mit begrenzter Personenzahl an Bord und Straßenreifen.
Erster Durchgang: den Aufschrieb schreiben
Im ersten Durchgang sagt der Fahrer an, was er sieht und spürt: Richtung, Schärfe, Zusätze wie lang, macht zu oder nicht schneiden, Kuppen, Sprünge und Gefahren. Der Beifahrer notiert alles in Kurzschrift und ergänzt die Distanzen vom Tripmaster. Ein guter Beifahrer hält auch Referenzpunkte fest: eine Brücke, ein Haus, ein Verkehrsschild, alles, was ihm hilft, auf der Prüfung im Aufschrieb nicht den Faden zu verlieren.
Die größte Herausforderung im ersten Durchgang ist das Einstufen bei niedrigem Tempo. Eine Kurve, die bei 50 km/h harmlos ist, kann bei 130 km/h eine völlig andere Kurve sein. Erfahrene Fahrer lernen, sich beim langsamen Fahren das WP-Tempo vorzustellen.
Zweiter Durchgang: den Aufschrieb prüfen
Im zweiten Durchgang liest der Beifahrer den Aufschrieb vor, als wäre es die Rallye, und der Fahrer hört zu und korrigiert: „mach eine 3 draus, keine 4“, „Achtung dazu, Felsen innen“, „das sind 150, nicht 100“. Dieser Durchgang trainiert auch das Timing beim Vorlesen. Am Ende sollte die Crew jeder Zeile im Buch vertrauen.
Nach der Besichtigung: Nachbereitung und Video
Abends gehen die Crews den Aufschrieb im Hotel oder im Servicepark noch einmal durch. Viele nutzen Onboard-Video, das im Besichtigungsfahrzeug aufgenommen wurde, oder Onboards aus früheren Ausgaben der Rallye, um Stufen zu überprüfen und Details zu ergänzen. Während der Rallye selbst kann der Aufschrieb noch einmal von der Gravel- oder Ice-Note-Crew aktualisiert werden, die die Prüfungen kurz vor den Teilnehmern abfährt und Veränderungen der Bedingungen meldet.
Praktische Checkliste für die Besichtigung
- Die Ausschreibung lesen: Besichtigungszeitplan, erlaubte Durchgänge, Tempolimits, Tracking-Geräte.
- Den Tripmaster vor der ersten Prüfung auf das Roadbook des Veranstalters kalibrieren.
- Notizbuch, mehrere Bleistifte und eine Schreibunterlage oder Klemme bereitlegen, die im fahrenden Auto funktioniert.
- Das Aufschrieb-System vorher abstimmen: Kurvenskala, Distanzschwellen für in und und, Gefahrenstufen.
- Jeden Referenzpunkt notieren, der hilft, im Aufschrieb wieder den Anschluss zu finden.
- Den ersten Durchgang im Fluss halten; kleine Korrekturen gehören in den zweiten.
- Den Aufschrieb noch am selben Abend durchgehen, solange die Straße frisch im Gedächtnis ist.
- Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmer nehmen. Besichtigt wird auf öffentlichen Straßen mit Anwohnern, Radfahrern und landwirtschaftlichem Verkehr.
Besichtigung mit RecceLab
RecceLab unterstützt Crews während und nach der Besichtigung:
- Eingabe per Tastenfeld mit GPS. Jede Ansage wird mit ihrer Position gespeichert, sodass der Aufschrieb später auf einer Karte angezeigt und mit Video abgeglichen werden kann.
- Offline-first. Der Aufschrieb wird auf dem Gerät gespeichert und synchronisiert, sobald eine Verbindung besteht, was in Wäldern und Bergen zählt.
- Entwurf aus GPX. Liegt die Strecke als GPX-Datei vor, kann RecceLab vor dem Abfahren einen ersten Entwurf der Kurven vorbereiten. Der Entwurf ist immer als Schätzung markiert und muss auf der Straße überprüft werden.
- Video-Studio. Den Aufschrieb an Onboard-Aufnahmen ausrichten und das Vorlesen vor der Rallye üben.
Prüfe das Reglement deiner Veranstaltung, bevor du elektronische Geräte im Besichtigungsfahrzeug nutzt.
Häufige Fragen
Wie oft darf man eine Prüfung bei der Besichtigung fahren?
In der WRC zweimal. Andere Meisterschaften und Veranstaltungen legen eigene Grenzen fest, von einem Durchgang bis zu gar keiner Besichtigung.
Wie schnell fahren die Crews bei der Besichtigung?
Mit gesetzlich erlaubtem Tempo und innerhalb etwaiger niedrigerer Limits des Veranstalters. In der WRC wird das Besichtigungstempo per GPS überwacht.
Mit welchem Auto wird besichtigt?
Mit einem Straßenauto, das die Regeln für Besichtigungsfahrzeuge erfüllt, nicht mit dem Wettbewerbsfahrzeug. Die zulässige Ausstattung legt das Reglement der jeweiligen Meisterschaft fest.
Wofür steht „Recce“?
Es ist die Kurzform des englischen reconnaissance (Erkundung) und wird „Recky“ ausgesprochen.