Der Aufschrieb im Rallye: Pace Notes komplett erklärt
Der Aufschrieb, im Fahrerlager oft „Gebetbuch“ genannt (englisch pace notes oder pacenotes), ist die Beschreibung einer Wertungsprüfung durch die Crew: jede Kurve, jede Kuppe, jede Kreuzung und jede Gefahrenstelle, bei der Besichtigung in Kurzschrift notiert und dem Fahrer bei vollem Tempo vom Beifahrer vorgelesen. Nur dank des Aufschriebs können Rallyefahrer auf Straßen voll angreifen, die sie wenige Tage zuvor gerade zweimal langsam abgefahren sind.
Was ist ein Aufschrieb?
Eine Rallye wird auf den Wertungsprüfungen (WP) entschieden: abgesperrten öffentlichen Straßen, die Auto für Auto gegen die Uhr gefahren werden. Die Crews dürfen diese Straßen vorher nicht mit Renntempo üben. Stattdessen fahren Fahrer und Beifahrer bei der Streckenbesichtigung (Recce) die Prüfung mit erlaubter Geschwindigkeit ab und bauen sich daraus eine eigene Landkarte aus Worten. Diese Landkarte ist der Aufschrieb.
Eine einzelne Ansage verrät dem Fahrer meist vier Dinge:
- Richtung: links oder rechts.
- Schärfe: wie schnell die Kurve gefahren werden kann, meist als Zahl.
- Form und Zusätze: ob die Kurve lang ist, zumacht, aufmacht, eine Kuppe enthält oder nicht geschnitten werden darf.
- Was danach kommt: eine Distanz bis zum nächsten Merkmal oder ein Bindewort wie in oder und, wenn Merkmale dicht aufeinanderfolgen.
Eine typische Ansage klingt so: „100 links 4 lang, macht zu, in rechts 2, nicht schneiden.“ Das heißt: In 100 Metern kommt eine mittelschnelle Linkskurve, die lang ist und zum Ausgang hin enger wird, direkt gefolgt von einer langsamen Rechtskurve, deren Innenseite der Fahrer wegen eines Grabens, eines Felsens oder einer anderen Gefahr nicht schneiden darf.
Der Aufschrieb ist nicht dasselbe wie das Roadbook. Das Roadbook gibt der Veranstalter an alle Crews aus; es beschreibt die Strecke mit standardisierten Kreuzungsskizzen (englisch tulips) und Distanzen, einschließlich der Verbindungsetappen zwischen den Prüfungen. Der Aufschrieb dagegen ist persönlich: Jede Crew schreibt ihn selbst, in ihrer eigenen Sprache und ihrem eigenen System, und beschreibt darin, wie schnell die Straße gefahren werden kann.
Eine kurze Geschichte
Detaillierte Streckennotizen gab es lange vor dem modernen Rallyesport. Zwei oft zitierte frühe Beispiele sind Karl Kling und Hans Klenk, die 1952 mit Hilfe von Notizen die Carrera Panamericana gewannen, sowie Stirling Moss, der 1955 die Mille Miglia gewann, während Journalist Denis Jenkinson ihm Notizen von einer Papierrolle vorlas. Seitdem ist der Aufschrieb im Rallyesport überall Standard, von nationalen Clubveranstaltungen bis zur Rallye-Weltmeisterschaft (WRC).
Skalen für die Kurvenschärfe
Ein einheitliches offizielles System gibt es nicht. Jede Crew nutzt die Skala, mit der der Fahrer am besten zurechtkommt, und der Beifahrer passt sich an. Die gängigsten Ansätze sind:
| System | So funktioniert es | Beispiel |
|---|---|---|
| Zahlen, 6 = am schnellsten | Kurven werden von 1 bis 6 eingestuft. Eine 6 ist fast voll, eine 1 sehr langsam. Spitzkehren und 90-Grad-Kurven bekommen eigene Wörter. | „Rechts 5“ ist eine schnelle Rechtskurve, „links 2“ eine langsame. |
| Zahlen, 1 = am schnellsten | Dieselbe Idee umgekehrt: kleine Zahlen bedeuten schnelle Kurven. Manche Fahrer denken lieber „1 = am wenigsten Lenkeinschlag“. | „Links 1“ ist fast voll. |
| Gangbasiert | Die Zahl ist der Gang, den der Fahrer in der Kurve erwartet. | „Rechts 3“ = eine Kurve im dritten Gang. |
| Beschreibend | Wörter statt Zahlen: voll, schnell, mittel, langsam, eckig, Spitzkehre. | „Mittel links“, „langsam rechts“. |
Unabhängig vom System stehen einige Begriffe außerhalb der Zahlenskala, weil sie eine Form beschreiben und nicht nur ein Tempo:
- Eckig (englisch square): eine Kurve von etwa 90°, typischerweise an einer Kreuzung.
- Spitzkehre (Haarnadel, englisch hairpin): eine Kurve, die fast um 180° zurückführt.
- Voll (englisch flat oder flat out): ein Knick, der ohne Gaswegnehmen gefahren werden kann.
Viele Crews ergänzen außerdem + oder −, um eine Stufe zu verfeinern („4 plus“ ist etwas schneller als eine 4). Die wichtigste Regel ist Konstanz: Eine 4 muss sich immer wie eine 4 anfühlen, auf der ersten Prüfung genauso wie auf der letzten.
Typische Ansagen im Aufschrieb
Neben Richtung und Schärfe nutzt der Aufschrieb einen kompakten Wortschatz. Die Tabelle zeigt verbreitete Ansagen mit dem englischen Original in Klammern; die genauen Wörter unterscheiden sich von Crew zu Crew und von Land zu Land.
| Ansage | Bedeutung |
|---|---|
| 100, 150, 200… | Distanz in Metern bis zur nächsten Ansage. |
| in (into) | Das nächste Merkmal folgt unmittelbar; keine Zeit, das Auto gerade zu stellen. |
| und (and) | Eine kurze Lücke bis zum nächsten Merkmal. |
| lang / sehr lang (long / very long) | Die Kurve dauert länger, als ihre Stufe vermuten lässt. |
| kurz (short) | Eine knappe Kurve, schnell vorbei. |
| macht zu / macht spät zu (tightens / tightens late) | Der Radius wird zum Ausgang hin kleiner. |
| macht auf (opens / widens) | Die Kurve wird zum Ausgang hin schneller. |
| nicht schneiden (don't cut) | Innen auf der Straße bleiben: Graben, Felsen, Baumstumpf oder weicher Rand. |
| schneiden (cut) | Die Innenseite kann gefahrlos genutzt werden. |
| innen halten / außen halten (keep in / keep out) | Das Auto auf der Innen- oder Außenseite der Straße platzieren. |
| Kuppe / über Kuppe (crest / over crest) | Die Straße führt über eine Erhebung; die Sicht dahinter ist blind. |
| Sprung (jump) | Das Auto hebt ab. |
| Welle, Senke (bump, dip) | Eine Veränderung der Fahrbahn, die das Auto unruhig macht. |
| wird eng (narrows) | Die Straße wird schmaler. |
| Achtung, doppelt Achtung, dreifach Achtung (caution, double caution, triple caution) | Steigende Gefahrenstufen; oft als ein, zwei oder drei Ausrufezeichen geschrieben. |
| Kreuzung / an Kreuzung (junction / at junction) | Die Strecke biegt an einer Kreuzung oder Einmündung ab. |
| Brücke, Tor, Gitter (bridge, gate, grid) | Feste Objekte, die die Straße verengen oder verändern. |
| lose, Schotter, Schlamm, Eis (loose, gravel, mud, ice) | Warnungen zur Oberfläche, oft von der Gravel- oder Ice-Note-Crew ergänzt. |
So entsteht der Aufschrieb bei der Besichtigung
Der Aufschrieb entsteht bei der Streckenbesichtigung. In der Rallye-Weltmeisterschaft erlauben die Regeln zwei Durchgänge pro Wertungsprüfung, im normalen Verkehr und mit gesetzlich erlaubter Geschwindigkeit, die per GPS-Tracking kontrolliert wird. Der übliche Ablauf:
- Erster Durchgang: schreiben. Der Fahrer sagt jedes Merkmal an, sobald es auftaucht („links 4 lang, nicht schneiden“), und der Beifahrer notiert es in Kurzschrift, zusammen mit den Distanzen vom Tripmaster.
- Zweiter Durchgang: prüfen. Der Beifahrer liest den Aufschrieb vor, als wäre es die Prüfung, und der Fahrer korrigiert Stufen, ergänzt Warnungen und bessert alles aus, was sich falsch angefühlt hat.
- Nachbereitung. Am Abend geht die Crew den Aufschrieb noch einmal durch, oft mit Onboard-Video aus dem Besichtigungsfahrzeug oder aus früheren Jahren, um das Buch vor der Rallye zu bereinigen.
Die Kurzschrift ist persönlich. Eine Links-4 kann als Pfeil mit Zahl notiert werden, eine Kuppe als kleiner Bogen, eine Warnung als „!“. Entscheidend ist, dass der Beifahrer sie sofort lesen kann, während er im Cockpit hin und her geworfen wird.
So lesen Beifahrer bei Tempo vor
Das Vorlesen ist eine eigene Kunst. Gute Beifahrer:
- Lesen voraus, aber nicht zu weit. Der Fahrer braucht die nächste Kurve früh genug, um sich vorzubereiten, aber nicht so früh, dass er sie vergessen hat, bevor sie kommt.
- Halten den Rhythmus. Tonfall und Sprechtempo transportieren Information: Schnelle Passagen werden schnell gelesen, Warnungen betont.
- Wissen immer, wo sie sind. Beifahrer gleichen den Aufschrieb mit dem Tripmaster und mit Orientierungspunkten ab, damit sie sofort wieder einsteigen können, wenn das Auto von der Linie abkommt oder eine Ansage verpasst wird.
- Bleiben ruhig. Die Stimme über die Gegensprechanlage ist der Bezugspunkt des Fahrers im Auto. Wenn etwas schiefgeht, hilft eine klare, ruhige Ansage mehr als alles andere.
Gravel Crews, Ice Notes und Safety Notes
Die Straßenbedingungen ändern sich zwischen Besichtigung und Rallye. Auf Topniveau setzen Teams Gravel-Note-Crews ein (bei Winterrallyes wie der Rallye Monte-Carlo oder der Rallye Schweden Ice-Note-Crews genannt). Sie fahren die Prüfungen kurz vor den Teilnehmern ab und aktualisieren den Aufschrieb mit frischen Informationen: neue Spurrillen, verschobene Steine, Eisflecken oder geschnittene Linien. Die startende Crew übernimmt diese Änderungen dann in ihr eigenes Buch.
Bei manchen Veranstaltungen geben die Organisatoren außerdem Safety Notes (Sicherheitshinweise) heraus, die für alle auf bekannte Gefahren hinweisen, etwa eine tückische Kreuzung oder eine Stelle, an der schon Autos verunfallt sind.
Typische Fehler im Aufschrieb
- Uneinheitliche Einstufung. Eine Kurve, die am Freitag eine 4 ist, und eine ähnliche, die am Samstag eine 5 ist, zerstören das Vertrauen in den Aufschrieb.
- Zu viele Details. Ein Aufschrieb, der alles beschreiben will, lässt sich nicht rechtzeitig vorlesen. Die besten Bücher sind präzise, aber sparsam.
- Fehlende Distanzen. Ohne Distanzen kann der Fahrer nicht einschätzen, wie lang eine Gerade bis zum nächsten Bremspunkt ist.
- Einstufen nach Besichtigungstempo. Eine Kurve fühlt sich bei 60 km/h völlig anders an als bei Renntempo. Erfahrene Fahrer lernen, sich das WP-Tempo „vorzustellen“.
- Keine Kalibrierung. Ist der Tripmaster nicht auf das Roadbook des Veranstalters kalibriert, laufen die Distanzen im Verlauf der Prüfung auseinander.
Digitaler Aufschrieb und RecceLab
Papier und Bleistift sind im Auto nach wie vor Standard, doch immer mehr Crews bereiten ihren Aufschrieb digital vor, prüfen ihn und üben damit. RecceLab ist ein browserbasiertes Tool genau dafür:
- Besichtigung mit GPS. Ansagen während der Besichtigung über ein Tastenfeld eingeben; jede Ansage wird mit ihrer GPS-Position verknüpft.
- Entwurf aus einem GPX-Track. Aus einer Streckendatei einen ersten Entwurf mit Kurven und Schärfen erzeugen, klar als Schätzung markiert, die auf der Straße überprüft werden muss.
- Studio. Den Aufschrieb mit Onboard-Video (YouTube oder lokale Datei) synchronisieren und das Vorlesen im Takt mit dem Auto üben.
- Funktioniert offline und in 16 Sprachen.
Prüfe immer das Reglement deiner Veranstaltung, welche Geräte bei der Besichtigung und im Wettbewerbsfahrzeug erlaubt sind.
Häufige Fragen
Warum brauchen Rallyefahrer einen Aufschrieb?
Wertungsprüfungen sind lang (in der WRC sind die meisten etwa 10 bis 30 km lang) und führen über Straßen, die der Fahrer kaum kennt. Bei Renntempo bleibt keine Zeit, eine Kurve zu sehen und dann zu reagieren; der Aufschrieb sagt dem Fahrer, was hinter der nächsten Kuppe liegt, bevor er es sehen kann.
Welches Aufschrieb-System ist das beste?
Objektiv das beste gibt es nicht. Das beste System ist das, das der Fahrer sofort versteht und die Crew konsequent nutzt. Einsteiger beginnen oft mit einer einfachen Skala von 1 bis 6 und wenigen Zusätzen.
Kann ich den Aufschrieb von jemand anderem verwenden?
Bei den meisten internationalen Rallyes schreiben die Crews ihren Aufschrieb bei der Besichtigung selbst. Manche nationalen Meisterschaften stellen allen Teilnehmern einen vom Veranstalter erstellten Aufschrieb zur Verfügung, um Kosten zu senken. Prüfe das Reglement der Veranstaltung.
Was ist der Unterschied zwischen Aufschrieb und Roadbook?
Das Roadbook ist die offizielle Streckenbeschreibung des Veranstalters. Der Aufschrieb ist die eigene, viel detailliertere Beschreibung der Crew, wie jede Wertungsprüfung zu fahren ist.