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Der Aufschrieb im Rallye: Pace Notes komplett erklärt

Aktualisiert: · 8 Min. Lesezeit

Der Aufschrieb, im Fahrerlager oft „Gebetbuch“ genannt (englisch pace notes oder pacenotes), ist die Beschreibung einer Wertungsprüfung durch die Crew: jede Kurve, jede Kuppe, jede Kreuzung und jede Gefahrenstelle, bei der Besichtigung in Kurzschrift notiert und dem Fahrer bei vollem Tempo vom Beifahrer vorgelesen. Nur dank des Aufschriebs können Rallyefahrer auf Straßen voll angreifen, die sie wenige Tage zuvor gerade zweimal langsam abgefahren sind.

Was ist ein Aufschrieb?

Eine Rallye wird auf den Wertungsprüfungen (WP) entschieden: abgesperrten öffentlichen Straßen, die Auto für Auto gegen die Uhr gefahren werden. Die Crews dürfen diese Straßen vorher nicht mit Renntempo üben. Stattdessen fahren Fahrer und Beifahrer bei der Streckenbesichtigung (Recce) die Prüfung mit erlaubter Geschwindigkeit ab und bauen sich daraus eine eigene Landkarte aus Worten. Diese Landkarte ist der Aufschrieb.

Eine einzelne Ansage verrät dem Fahrer meist vier Dinge:

Eine typische Ansage klingt so: „100 links 4 lang, macht zu, in rechts 2, nicht schneiden.“ Das heißt: In 100 Metern kommt eine mittelschnelle Linkskurve, die lang ist und zum Ausgang hin enger wird, direkt gefolgt von einer langsamen Rechtskurve, deren Innenseite der Fahrer wegen eines Grabens, eines Felsens oder einer anderen Gefahr nicht schneiden darf.

Der Aufschrieb ist nicht dasselbe wie das Roadbook. Das Roadbook gibt der Veranstalter an alle Crews aus; es beschreibt die Strecke mit standardisierten Kreuzungsskizzen (englisch tulips) und Distanzen, einschließlich der Verbindungsetappen zwischen den Prüfungen. Der Aufschrieb dagegen ist persönlich: Jede Crew schreibt ihn selbst, in ihrer eigenen Sprache und ihrem eigenen System, und beschreibt darin, wie schnell die Straße gefahren werden kann.

Eine kurze Geschichte

Detaillierte Streckennotizen gab es lange vor dem modernen Rallyesport. Zwei oft zitierte frühe Beispiele sind Karl Kling und Hans Klenk, die 1952 mit Hilfe von Notizen die Carrera Panamericana gewannen, sowie Stirling Moss, der 1955 die Mille Miglia gewann, während Journalist Denis Jenkinson ihm Notizen von einer Papierrolle vorlas. Seitdem ist der Aufschrieb im Rallyesport überall Standard, von nationalen Clubveranstaltungen bis zur Rallye-Weltmeisterschaft (WRC).

Skalen für die Kurvenschärfe

Ein einheitliches offizielles System gibt es nicht. Jede Crew nutzt die Skala, mit der der Fahrer am besten zurechtkommt, und der Beifahrer passt sich an. Die gängigsten Ansätze sind:

SystemSo funktioniert esBeispiel
Zahlen, 6 = am schnellstenKurven werden von 1 bis 6 eingestuft. Eine 6 ist fast voll, eine 1 sehr langsam. Spitzkehren und 90-Grad-Kurven bekommen eigene Wörter.„Rechts 5“ ist eine schnelle Rechtskurve, „links 2“ eine langsame.
Zahlen, 1 = am schnellstenDieselbe Idee umgekehrt: kleine Zahlen bedeuten schnelle Kurven. Manche Fahrer denken lieber „1 = am wenigsten Lenkeinschlag“.„Links 1“ ist fast voll.
GangbasiertDie Zahl ist der Gang, den der Fahrer in der Kurve erwartet.„Rechts 3“ = eine Kurve im dritten Gang.
BeschreibendWörter statt Zahlen: voll, schnell, mittel, langsam, eckig, Spitzkehre.„Mittel links“, „langsam rechts“.

Unabhängig vom System stehen einige Begriffe außerhalb der Zahlenskala, weil sie eine Form beschreiben und nicht nur ein Tempo:

Viele Crews ergänzen außerdem + oder −, um eine Stufe zu verfeinern („4 plus“ ist etwas schneller als eine 4). Die wichtigste Regel ist Konstanz: Eine 4 muss sich immer wie eine 4 anfühlen, auf der ersten Prüfung genauso wie auf der letzten.

Typische Ansagen im Aufschrieb

Neben Richtung und Schärfe nutzt der Aufschrieb einen kompakten Wortschatz. Die Tabelle zeigt verbreitete Ansagen mit dem englischen Original in Klammern; die genauen Wörter unterscheiden sich von Crew zu Crew und von Land zu Land.

AnsageBedeutung
100, 150, 200…Distanz in Metern bis zur nächsten Ansage.
in (into)Das nächste Merkmal folgt unmittelbar; keine Zeit, das Auto gerade zu stellen.
und (and)Eine kurze Lücke bis zum nächsten Merkmal.
lang / sehr lang (long / very long)Die Kurve dauert länger, als ihre Stufe vermuten lässt.
kurz (short)Eine knappe Kurve, schnell vorbei.
macht zu / macht spät zu (tightens / tightens late)Der Radius wird zum Ausgang hin kleiner.
macht auf (opens / widens)Die Kurve wird zum Ausgang hin schneller.
nicht schneiden (don't cut)Innen auf der Straße bleiben: Graben, Felsen, Baumstumpf oder weicher Rand.
schneiden (cut)Die Innenseite kann gefahrlos genutzt werden.
innen halten / außen halten (keep in / keep out)Das Auto auf der Innen- oder Außenseite der Straße platzieren.
Kuppe / über Kuppe (crest / over crest)Die Straße führt über eine Erhebung; die Sicht dahinter ist blind.
Sprung (jump)Das Auto hebt ab.
Welle, Senke (bump, dip)Eine Veränderung der Fahrbahn, die das Auto unruhig macht.
wird eng (narrows)Die Straße wird schmaler.
Achtung, doppelt Achtung, dreifach Achtung (caution, double caution, triple caution)Steigende Gefahrenstufen; oft als ein, zwei oder drei Ausrufezeichen geschrieben.
Kreuzung / an Kreuzung (junction / at junction)Die Strecke biegt an einer Kreuzung oder Einmündung ab.
Brücke, Tor, Gitter (bridge, gate, grid)Feste Objekte, die die Straße verengen oder verändern.
lose, Schotter, Schlamm, Eis (loose, gravel, mud, ice)Warnungen zur Oberfläche, oft von der Gravel- oder Ice-Note-Crew ergänzt.
Für Bindewörter wie in und und legt kein Reglement feste Distanzen fest. Jede Crew vereinbart ihre eigenen Schwellen, zum Beispiel „in“ unterhalb einer bestimmten Meterzahl, und verwendet sie jedes Mal gleich.

So entsteht der Aufschrieb bei der Besichtigung

Der Aufschrieb entsteht bei der Streckenbesichtigung. In der Rallye-Weltmeisterschaft erlauben die Regeln zwei Durchgänge pro Wertungsprüfung, im normalen Verkehr und mit gesetzlich erlaubter Geschwindigkeit, die per GPS-Tracking kontrolliert wird. Der übliche Ablauf:

  1. Erster Durchgang: schreiben. Der Fahrer sagt jedes Merkmal an, sobald es auftaucht („links 4 lang, nicht schneiden“), und der Beifahrer notiert es in Kurzschrift, zusammen mit den Distanzen vom Tripmaster.
  2. Zweiter Durchgang: prüfen. Der Beifahrer liest den Aufschrieb vor, als wäre es die Prüfung, und der Fahrer korrigiert Stufen, ergänzt Warnungen und bessert alles aus, was sich falsch angefühlt hat.
  3. Nachbereitung. Am Abend geht die Crew den Aufschrieb noch einmal durch, oft mit Onboard-Video aus dem Besichtigungsfahrzeug oder aus früheren Jahren, um das Buch vor der Rallye zu bereinigen.

Die Kurzschrift ist persönlich. Eine Links-4 kann als Pfeil mit Zahl notiert werden, eine Kuppe als kleiner Bogen, eine Warnung als „!“. Entscheidend ist, dass der Beifahrer sie sofort lesen kann, während er im Cockpit hin und her geworfen wird.

So lesen Beifahrer bei Tempo vor

Das Vorlesen ist eine eigene Kunst. Gute Beifahrer:

Gravel Crews, Ice Notes und Safety Notes

Die Straßenbedingungen ändern sich zwischen Besichtigung und Rallye. Auf Topniveau setzen Teams Gravel-Note-Crews ein (bei Winterrallyes wie der Rallye Monte-Carlo oder der Rallye Schweden Ice-Note-Crews genannt). Sie fahren die Prüfungen kurz vor den Teilnehmern ab und aktualisieren den Aufschrieb mit frischen Informationen: neue Spurrillen, verschobene Steine, Eisflecken oder geschnittene Linien. Die startende Crew übernimmt diese Änderungen dann in ihr eigenes Buch.

Bei manchen Veranstaltungen geben die Organisatoren außerdem Safety Notes (Sicherheitshinweise) heraus, die für alle auf bekannte Gefahren hinweisen, etwa eine tückische Kreuzung oder eine Stelle, an der schon Autos verunfallt sind.

Typische Fehler im Aufschrieb

Digitaler Aufschrieb und RecceLab

Papier und Bleistift sind im Auto nach wie vor Standard, doch immer mehr Crews bereiten ihren Aufschrieb digital vor, prüfen ihn und üben damit. RecceLab ist ein browserbasiertes Tool genau dafür:

Prüfe immer das Reglement deiner Veranstaltung, welche Geräte bei der Besichtigung und im Wettbewerbsfahrzeug erlaubt sind.

Häufige Fragen

Warum brauchen Rallyefahrer einen Aufschrieb?

Wertungsprüfungen sind lang (in der WRC sind die meisten etwa 10 bis 30 km lang) und führen über Straßen, die der Fahrer kaum kennt. Bei Renntempo bleibt keine Zeit, eine Kurve zu sehen und dann zu reagieren; der Aufschrieb sagt dem Fahrer, was hinter der nächsten Kuppe liegt, bevor er es sehen kann.

Welches Aufschrieb-System ist das beste?

Objektiv das beste gibt es nicht. Das beste System ist das, das der Fahrer sofort versteht und die Crew konsequent nutzt. Einsteiger beginnen oft mit einer einfachen Skala von 1 bis 6 und wenigen Zusätzen.

Kann ich den Aufschrieb von jemand anderem verwenden?

Bei den meisten internationalen Rallyes schreiben die Crews ihren Aufschrieb bei der Besichtigung selbst. Manche nationalen Meisterschaften stellen allen Teilnehmern einen vom Veranstalter erstellten Aufschrieb zur Verfügung, um Kosten zu senken. Prüfe das Reglement der Veranstaltung.

Was ist der Unterschied zwischen Aufschrieb und Roadbook?

Das Roadbook ist die offizielle Streckenbeschreibung des Veranstalters. Der Aufschrieb ist die eigene, viel detailliertere Beschreibung der Crew, wie jede Wertungsprüfung zu fahren ist.

Schreib deinen eigenen Aufschrieb mit RecceLab

Notizen bei der Besichtigung mit GPS erfassen, einen Entwurf aus einem GPX-Track erstellen und alles mit Onboard-Video synchronisieren. Läuft im Browser, auch offline.

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